Ulrich Brand skizziert Anforderungen auf dem Weg zu einer sozial-ökologischen Transformation

Ulrich Brand, Professor für Internationale Politik an der Universität Wien, ist Leiter des Forschungsprojekts „Trafo-Labour“, das die Rolle von Gewerkschaften und ArbeitnehmerInnen-Interessen bei der Gestaltung einer sozial-ökologischen Gesellschaft untersucht – und in dessen Rahmen diese Website aufgebaut wird. In einem Beitrag für die AK-Zeitschrift Wirtschaft & Umwelt skizziert er Anforderungen auf dem Weg zu einer sozial-ökologischen Transformation in Richtung „Gutes Leben für alle“.

 

Ulrich Brand: Wie wollen wir leben?

Unsere Gesellschaften müssen tiefgreifend umgebaut werden und die Anforderungen an „Gutes Leben für alle“ werden deutlicher. Umstritten sind der Weg dorthin und die Rolle der Beschäftigten und ihrer Interessenvertretungen.

Ein Gespenst geht um in Europa. Nicht nur die Austeritätspolitik wird immer stärker kritisiert, weil sie auf dem Rücken der Beschäftigten und ärmerer Länder ausgetragen wird. Es wird auch deutlich, dass eine lediglich auf Umverteilung von Einkommen, Vermögen und Macht setzende Politik zwar wichtig ist, aber zu kurz greift. Was in den Fachdebatten unter dem Begriff der „sozial-ökologischen Transformation“ diskutiert wird, artikuliert sich öffentlich zunehmend als Forderung nach einem guten Leben für alle. Wie? Allerorten Krise, um die zu bekämpfen, müssen andere Dinge wie der Kampf gegen den Klimawandel oder mehr Gerechtigkeit zurückstehen. Nein! Angemessene Krisenstrategien sollen die Möglichkeiten eines guten Lebens für alle und angemessene Antworten auf die ökologische Krise berücksichtigen.

Der viel zu hohe Verbrauch natürlicher Ressourcen zerstört die Umwelt und heizt den Klimawandel an. Betroffen davon sind vor allem die schwächeren Gesellschaftsmitglieder und Regionen. Es geht also um den weitgehenden Einsatz erneuerbarer Energie. Doch ein verändertes Energiesystem sollte mitdenken, was eigentlich mit der Energie produziert wird. Industriell gefertigte Lebensmittel, eventuell sogar mit hohem Aufwand aus anderen Weltregionen importiert – oder nachhaltig produzierte und tendenziell gesündere?

ANDERS ARBEITEN UND LEBEN

Auch aus anderen Gründen wird immer deutlicher, dass die Produktions- und Lebensweise verändert werden muss. Arbeit wird zunehmend zeitlich verdichtet und führt zu Burn-outs, immer mehr Menschen halten ihre Arbeit für wenig sinnvoll. Standorte und damit die dort ansässigen Beschäftigten werden gegeneinander ausgespielt. Mächtige Marketing-Maschinerien fördern den Konsum um des Konsums willen anstatt zu fragen, welche Produkte sinnvoll sind. Hier muss gegengesteuert werden. Gutes Leben für alle hat nicht nur eine kulturelle Dimension sich verändernder Lebensstile, sondern ist auch eine politische Aufgabe. Damit sind wir bei  Entscheidungen zwischen Alternativen, bei Macht und Interessen. Die Beschäftigten und ihre Organisationen spielen hier eine zentrale Rolle. Denn der Umbauprozess muss politisch gestaltet werden, und das sollte nicht den Investoren und Unternehmen sowie ihren politischen Vertretern überlassen werden.

Sozial-ökologische Transformation und die Forderung nach einem guten Leben für alle bedeuten eine andere Art und Weise der Produktion und des Lebens: Weniger Autos bis künftig vielleicht hin zu autofreien Städten und die übrigen Autos gemeinsam nutzend und mit deutlich reduziertem Energieverbrauch; weniger Flugverkehr und Fleischkonsum sowie eine Umkehr von der hoch industrialisierten zu einer nachhaltigen Landwirtschaft. Doch deutlich weniger Autos zu produzieren, hier einen Konversionsprozess einzuleiten, darf nicht auf dem Rücken der Beschäftigten ausgetragen werden. Auch das bedeutet gesellschaftliche Gestaltung.

Dabei sollte auch die starke Orientierung am Wirtschaftswachstum hinterfragt werden. Es geht nicht darum, dass bestimmte gesellschaftliche Sektoren nicht mehr wachsen sollten: Im Bereich sozialer Dienstleistungen wie Bildung und Pflege, beim Ausbau erneuerbarer Energie oder des öffentlichen Transports ist das allzu deutlich. Hier muss deutlich ausgebaut werden mit qualifizierter, gut bezahlter und sozial abgesicherter Arbeit.

WIRTSCHAFTSWACHSTUM UND MACHT

Die aktuelle wachstumskritische Diskussion betont etwas anderes als die Frage „Wachstum ja oder nein“: Der kapitalistische Wachstumsimperativ muss zurückgedrängt werden und damit einher gehend die scheinbar alternativlose Wettbewerbsfähigkeit und „Standortpolitik“.

Und: Die zu starke Orientierung am Wirtschaftswachstum sichert entsprechende Machtverhältnisse ab, nämlich zuvorderst die Interessen der Investoren und global tätigen Unternehmen, welche die Standorte gegeneinander ausspielen: Wo bekommen sie die aus ihrer Sicht (un-)sozial und (un-)ökologisch vorteilhaftesten Bedingungen?

Die Wachstumstreiber müssen angegangen werden. Damit sind wir bei Fragen, wie Macht eingedämmt  und wie Demokratie ausgebaut werden kann. Denn bislang ist die dominante Erfahrung der meisten Menschen, die Gesellschaft nicht gestalten zu können. An den Schalthebeln der politischen, ökonomischen und kulturellen Macht sitzen andere. Und die achten darauf – das ist in der aktuellen Krise zu sehen – dass das auch so bleibt.

GUTES LEBEN FÜR ALLE – WIE?

Damit kommen wir zu einem Kernelement der Forderung nach einem guten Leben für alle. Es bedarf Formen des individuellen und gesellschaftlichen Wohlstands, die auf politische Gestaltung, sozial-ökologisch verträgliche Produktion und ein attraktives Leben für die Menschen setzen: Die de-stabilisierenden Formen des kapitalistischen Wachstums und die damit verbundenen Interessen müssen verändert werden. Damit werden gesellschaftliche Bedingungen möglich, unter denen Menschen ihre Individualität entfalten und leben können – und zwar in einem solidarischen sozialen Zusammenhang, der ja erst die Bedingung freier Persönlichkeitsentwicklung ist.

Konkreter: Wie sehen nachhaltige Stadt-Land-Verhältnisse aus, was bedeutet solidarische Mobilität? Wie werden Nahrungsmittel nachhaltig, fair und weltweit in ausreichender Menge produziert und verteilt, die gut schmecken und gesund sind? Wie werden Konflikte ausgetragen mit den global players der transnationalen Nahrungsmittelindustrie, wenn Lebensmittel wieder lokal und regional produziert werden?  Wenn Demokratie etwas mit politischer und sozialer Teilhabe zu tun hat, dann müssen Menschen auch gestalten können – im Alltag, am Arbeitsplatz, in ihren Organisationen, in der Politik. Sozial-ökologische Transformation und die Schaffung eines guten Lebens muss von allen als ihre Aufgabe begriffen werden.

GESTALTEN STATT VERZICHTEN

Es geht also nicht um Aufrufe zu „Verzicht“ –  viele Menschen haben auf nichts zu verzichten –  oder den grün-liberalen Wunsch nach „Befreiung vom Überfluss“, sondern neben individueller Verantwortung auch um gesellschaftliche Gestaltung.

Die gute Nachricht: Die Gesellschaft erstarrt nicht länger in ihrem Unmut über soziale Spaltung und Umweltzerstörung, gegenüber der Arroganz und Ignoranz der Mächtigen. Mehr und mehr Menschen machen sich auf, zumindest in Teilbereichen anders zu leben. Langlebigere Produkte zu kaufen, ökologisch und sozial produzierte Lebensmittel. Das sind die „Pioniere des Wandels“, die weiter ermuntert und unterstützt werden müssen – durch progressive Unternehmer, Arbeiterkammer und Gewerkschaften, durch staatliche Rahmenbedingungen.

Konflikte wie um das Transatlantische Handels- und Investitionsabkommen (TTIP) zeigen, dass es durchaus Widerstand gibt gegen eine weitere Runde, den Neoliberalismus international festzuschreiben. Das gute Leben für alle ist ein zunehmend besser sichtbarer Horizont und scheint in vielen Diskussionen und solidarischen Praxen bereits heute auf. ¨

Quelle: AK Wirtschaft & Umwelt 2/2015, 14-17

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