Sozial-ökologische Industriepolitik / Region Schweinfurt

Der BUND Naturschutz und die IG Metall wollen in der Region Schweinfurt/Main-Rhön gemeinsam ein Projekt realisieren, dass die Perspektiven einer sozialökologischen Industriepolitik ausloten soll. Das Ziel sind neue Ideen und Strategien für eine nachhaltige und zukunftsfähige Industriepolitik.

Seit Herbst 2014 krempelt ein Bündnis aus Unternehmen, Gewerkschaften, Behörden und Umweltschützern die Stadt Schweinfurt um. Auf frostsichere Fahrradständer und neue Buslinien folgt als nächstes die energieeffiziente Produktion.

Gefährdet Umweltschutz eigentlich Arbeitsplätze? Nein. Lassen sich die Ziele des Umweltschutzes besser erreichen, wenn man nicht nur einen abstrakten Begriff von Industrieproduktion hat? Ja. Wenn sich in Schweinfurt die Gewerkschafter der IG Metall und die Umweltschützer des BUND treffen, stellt man sich diese Fragen und überrascht sich mit diesen Antworten. „Wenn wir unsere Positionen austauschen, geht nicht selten ein Raunen durch den Raum“, berichtet Peter Kippes, erster Bevollmächtigter der IG Metall in der fränkischen Industriestadt. Seit einem Jahr arbeitet man inzwischen intensiv zusammen.

Es ist das erste Mal, dass beide Organisationen auf Arbeitsebene zusammentreffen. Zurzeit sind sie dabei, den öffentlichen Nahverkehr in Schweinfurt zu optimieren. Die von der Wälzindustrie geprägte Stadt zählt 50 000 Einwohner und bis zu 40 000 Pendler. Demnächst ist das Industriegebiet besser an die Bahnhöfe der Innenstadt angebunden. Zwischen den Werken fährt bald ein Pendelverkehr, der die Innenstadt vom Individualverkehr und die Beschäftigten von Parkplatzsuchen befreit. Fahrräder lassen sich immer häufiger nicht nur regensicher, sondern im Winter auch vor Frost geschützt abstellen – dass ist insbesondere für Elektrofahrräder wichtig.

Der Mobilität auf die Sprünge zu helfen ist der erste Teil des Projekts für eine „sozial-ökologische Industriepolitik“. Beteiligt sind seit der ersten Projektvorstellung im September 2014 auch alle großen Unternehmen der Stadt, die zusammen rund 30 000 Beschäftigte haben. Hinzu kommen städtische Behörden, Nahverkehrsbetriebe, die Stadtwerke und die IHK. „Die Vernetzung ist eine gemeinsame Suche nach Lösungen“, sagt Kippes. Er spricht von einem „Plenum“, für das die IG Metall die Plattform biete.

Energieeffiziente Produktion

Nach dem Schwerpunkt „Mobilität“ beginnt im Januar 2016 ein Projekt, das sich mit Energieeffizienz in der Produktion befasst. Dafür sucht der Gewerkschafter Experten in den Betrieben. In den Gesprächen mit den Fachleuten wird dann auch deutlich, wie weit die Unternehmen eigentlich bei dem Thema sind.

Manche Betriebe arbeiten heute schon an ihrer Energieeffizienz – mit programmatischen Projekttiteln wie „beyond zero“. Dennoch begann alles mit einem Brandbrief. Geschrieben haben ihn vor zwei Jahren Jürgen Wechsler, IG-Metall-Bezirksleiter in Bayern und Hubert Weiger, der Bundesvorsitzende des BUND. Adressiert war er an die seinerzeit neu gewählte bayerische Landesregierung, die die Energiewende sowohl aus industriepolitischer Perspektive als auch aus Naturschutzsicht schleifen ließ.

„Gewerkschaftsarbeit der Zukunft“

Die Delegiertenversammlung der IG Metall Schweinfurt sah dann, dass es das eine ist, vom Ministerpräsidenten eine Beschleunigung des Stromnetzausbaus zu fordern oder neue Prämissen in der Umweltpolitik vorzuschlagen – dass es aber etwas Anderes ist, vor Ort Einfluss auf die Strukturpolitik zu nehmen. Nach der Kontaktaufnahme zwischen BUND und IG Metall in Schweinfurt sprechen die Beteiligten heute von einem Leuchtturmprojekt. Peter Kippes geht sogar noch einen Schritt weiter und skizziert eine „Gewerkschaftsarbeit der Zukunft“, die punktuell Menschen einbezieht, die sich ansonsten abseits ihrer Berufstätigkeit nicht dauerhaft engagieren.

Auf die anfängliche Kritik folgen nun Lösungsvorschläge. Ebenso wenig genügt Kippes eine zu enge Sicht auf Industriepolitik. Nicht nur in Schweinfurt und der Region Main Rhön werde „Industriepolitik ohne ökologische Vorstellungen und soziale Standards keine Zukunft haben“, sagt er. In diesem Satz steckt auch die Antwort auf die Frage, wer denn nun von der Arbeit der Gewerkschafter profitiert: Im besten Fall alle Menschen, die in der Region arbeiten und leben.

Fallbeispiel ZF Friedrichshafen

ZF Friedrichshafen AG Standort Schweinfurt, ca. ca. 9 000 Beschäftigte, produziert vor allem für die Automotive-Branche überwiegend konventionelle Fahrwerks- und Antriebselemente, verfügt aber auch über die erste europäische Hybridfertigung und ist ein Zentrum für Leichtbau.

» Die energetischen Herausforderungen der Zukunft werden sich nur in einer gemeinsamen Anstrengung und unter aktiver Mitwirkung von Belegschaften und Mitbestimmung meistern lassen. Unser Energie-Monitoring am ZF-Standort Schweinfurt erfasst die Verbräuche nahe am Verbrauchsort, da auch nur dort die Maßnahmen für Energieeffizienz in Produkt und Prozess ansetzen können. Seit 2011 gelten bei ZF energische Energiesparziele. Ein „Jahr der Energie“ und ein Ideenwettbewerb wurden ausgerufen. Alle Produktionsprozesse sind einem Energiemanagementsystem unterzogen, der standort-eigene Energiemanager ist bereits ein Stück Normalität. Energie- und Ressourcenmanagement sichern die Wettbewerbsfähigkeit. Verschwendung, ob von Material, Zeit und Rohstoffen ist ein großes Thema. Dafür sind noch nicht alle wach. Unser Leuchtturm-Projekt ist ein großes Experiment, bei dem wir alle voneinander lernen. Die beiden größten Nichtregierungsorganisationen Deutschlands, die IG Metall und der BUND zum ersten Mal zusammen: Da können wir in manchen Köpfen etwas bewegen. « (Klaus Mertens, wissenschaftlicher Mitarbeiter des Betriebsrats, ZF)


Quellen:

Pressetext BUND Naturschutz, 2.12.2015

IG-Metall Broschüre “Do You Speak Climate”, S. 24